Ballkleidkauf oder Wie der Glitzer zu mir kam!

Neulich habe ich euch von unserem Ballbesuch erzählt. Das war ein fröhliches Erlebnis, das noch immer nachhallt/nachtanzt in mir. Bevor dieser Genuß möglich war, habe ich allerdings jahrelang die Ballkleidthematik mit mir herumgetragen. Ein Ballkleid hat ja nicht jede zu Hause herumhängen. Und selbst wenn. Wie lange hängt es da schon? Passt es noch? Und zwar nicht nur in Größe, vor allem auch im Stil?

Als perimenopausales Metamorphwesen ist mir schon ein paar Jahre bewußt, dass ich mich solide verwandle. Nach außen hin, sieht man das im wesentlichen durch mein Altern. Der Wandeln im Inneren, zeigt sich auch bekleidungstechnisch. Meine Garderobe hat sich über die Jahre meinem neuen Ich angepasst. Schritt für Schritt. Immer in bißchen.
Der Kleiderkasten von vor 30 Jahren sah anders aus als mein heutiger. Auch das scheint logisch. Was mein Kleiderkasten allerdings heute nicht mehr hatte, war Ballgarderobe. Ich erinnere mich an mehrere Outfits balliger Natur. Damals. Als ich noch jung und unterwegs war, wenn es um Bälle ging. Bis vor kurzem war mein BallBekleidungsstatus jedoch ein leeres Feld auf einem BallGeh-Ausfüllformular. Nix da. Niente. Em-pti-ness!

Mein garderobeWissen sagte mir: So ein Kleid kann teuer werden! Willst du das wirklich? Geld ausgeben für etwas, das dir dann am Ende womöglich keine Freude mehr bereitet (nämlich „auf einen Ball gehen). Was steht dir denn überhaupt? Ich meine, so wie früher kannst du ja wohl kaum mehr rumlaufen?

So in etwa mein Gedankengang der letzten, na sagen wir mal, 10 Jahre. In meinem Kopfkino sah ich mich Kleider probieren, in denen ich mich wie ein Zuckerl fühlte. Rosa, Puffärmel, total unbrauchbar. Gefallen haben mir ein paar der Oskarkleider. HA! Welch Scherz. Problem am Ende war wohl, dass ich gar nicht wusste, wie ich denn aussehen wollte.
Blöd, aber auch.

Jedes Jahr in der Ballsaison, wenn die Kleider in den Auslagen der üblichen Verdächtigen glitzerten, dasselbe „Uff“ auf meiner Seite. Seufzen. Hilflosigkeit. Ärger über all das und dann frustriertes Abwenden.
Und dann hat mich eine komische Tante auf Instagram mithilfe ihres Badezimmers von dieser Qual erlöst.

Sie macht sich einen Spaß draus, sich selber das Brett vom Kopf zu reißen, mit ToDos, die sie ewig vor sich herschiebt. Teils, weil die Aufgaben unschön sind, teils, weil sie wirken, als würden sie Tage in Anspruch nehmen.

Dann tat sie es, sie räumte aus,

machte sauber, sortierte und räumte wieder ein und stoppte dabei die Zeit.

Nach 20 Minuten war sie fertig.

Die Aussage kam bei mir sehr direkt an!

Und als ich dann neulich eine Badematte für die Tochter besorgen war, ging ich am P&C vorbei und was soll ich sagen: kein Bogerl, sondern Direttissima in die Ballkleidabteilung bin ich marschiert. Ohne Zögern. Völlig unvorbereitet, keine Ahnung habend, was ich denn überhaupt suche oder ob ich überhaupt suche. Einfach nur rein und anprobieren.

An dieser Stelle merke ich an, dass ich mich für eine gute Shopperin halte. Ich weiß, wo ich was kriege. Ich weiß, was mir steht und was nicht.
So eine Ballkleidabteilung allerdings habe ich Jahrzehnte nicht betreten. Es war alles schon solide ein bissi neu.

Der Ballkleiderwald

Das beginnt damit, dass Ballkleider meist bodenlang sind und wenn ich ein bodenlanges Kleid so aufhänge, dass es unten am Boden nicht zusammenknüllt, dann benötige ich dafür einen Kleiderständer, der bedeutend höher ist, als die üblichen Gestänge, die einem im Handel so entgegenstehen. Brusthöhe maximal. Längere Kleider hängen gerne an der Wand. Beobachtet das mal. In der Ballkleiderabteilung wird auch schnell erkennbar wieso.
Stehen nämlich mehrere solche 1,80m hohen Kleiderständer nebeneinander, dicht behangen mit weiten, rauschenden Roben, und frau geht da „hinein“, dann verschwindet sie. Sie wird vom Ballkleiderwald einfach verschluckt. Man kann von außen nicht sehen, wieviele Frauen sich gerade durch den Ballkleiderwald goustieren. Keine Chance. Alle weg. Lustig irgendwie.

Drinnen, also wenn man reingeht, wird das Blickfeld stark eingeschränkt und man sieht nur mehr Tüll, Pailletten, Glanz und Gloria. Vor einem, hinter einem, alles grandios. Es rauscht ein bissi, wenn man mit den Fingern drüberfährt und alles fühlt sich sehr konkret an. Als würde jeder Stoff genau wissen, was er will. Jersey gibt’s hier nicht. Alles was man sieht hat eine Aufgabe, Halt und Wirkung. Deutlich spürbar.
Anzufangen wusste ich damit allerdings nichts.

Wie ich kurz darauf in der Garderobe feststellen durfte, kann ich nämlich nicht einmal im entferntesten erkennen, wie die Kleider, die da hängen, angezogen aussehen. Hängende Ballkleider sind wie Prachtsalons eines Schlosses, wenn das Licht aus ist und die Fensterläden geschlossen. Du weißt, dass sie da sind, du weißt, dass sich da jemand bei der Gestaltung was gedacht hat, aber du kannst es halt nicht sehen. Kein Licht.

Für Ballkleider sind die Frauen das Licht. Um ein Ballkleid zu sehen und zu verstehen, wie es die Schneiderin gedacht hat, muss es eine Frau anziehen. Hängend kann ich gerade mal die Farbe beurteilen. Alles andere sehe ich zwar, aber ich verstehe es nicht. Sehr schräge Erfahrung.

Muster wollte ich meiden. Die Variation an Materialien war schon fordernd genug für mich. In Erinnerung ist mir ein Kleid. Schwarzer Satin. Und über den weit ausladenden Rock waren, wie mit Farbeimern draufgekleckste, Stoffbahnen in goldenem und blitztürkisem Satin genäht. Riesige farbige Stoffflecken. Meine Reaktion war ein: „Aha!“
Dieses Kleid war mir zu „wild“. Ich konnte damit nichts anfangen. Ich war eindeutig auf der Einsteigerseite unterwegs: Einfarbig bitte! Blau, vielleicht grün, Schwarz sollte auch gehen, eher kein Tüll.

Auch gleich dabei, der Griff zum Preiszettel. Ich war auf der Suche nach dem Erstkontaktkleid. Es musste noch nicht perfekt sein, was Stil und so angeht. Geld wollte ich dafür nicht allzuviel ausgeben. Eh klar.
(Anmerkung: für ein Zweitkontaktkleid würde ich schon auch ein bissi was hinlegen. Aber alles halt im Rahmen.)

Also habe ich meine persönlichen Farbecken im Kleiderwald durchgeschaut und die Botschaften der einzelnen Stücke einfach Botschaften sein lassen, weil ich sie ja eh nicht verstanden habe. Ganz hinten im letzten Winkel des Waldes hingen dann die Kleider, die an sich keine Farbe hatten. Silber und eben Glitzer.

Ganz vorne hing ein komplett-Glitzerkleid. Von oben bis unten Glitzer und wenn man es bewegte, dann erwachte das Kleid zum Leben (also für Glitzerverhältnisse). Ich war augenblicklich verzückt und ein wenig schockiert, ob dieser Verzückung. Ich sah mich nicht unbedingt in Glitzer. Das Kleid aber war im Sale und in der richtigen Größe, als kam es mit in die Garderobe.
Neben der Glitzergöttin hatte ich mir einen grünen Traum mitgenommen, der zwar in der Größe nicht passen würde, wo ich aber wissen wollte, ob dieser Schnitt, dieser Stil und natürlich auch die Farbe kompatibel waren mit mir. Da hätte ich dann noch nach der Größe nachgefragt. So der Plan.

Die Verwandlung

Ballkleidgarderoben in diesem Geschäft sind ein wenig größer als „normale“ Garderoben. Es gab zwei Sets von je vier Umkleiden, die einander gegenüberlagen, dazwischen war genug Platz für Sitzgelegenheiten und das Heraustreten um sich einmal gut zu drehen. Sie Seitenwand ein einziger Riesenspiegel.

Als ich mit meinen zwei Kleidern in eine Kabine ging, waren alle anderen bereits belegt. Es war wochentags Vormittag Ballsaison. Alle paar Minuten trat vor ihren Vorhang eine Frau in einem Kleid. Ich habe etwa 15 Kleider an Damen in der Zeit, die ich dort war, gesehen und alle, ausnahmslos alle waren wunderbar. Okay, manchmal war die Farbe nicht ideal zur Frau, aber alle Kleider verwandelten die vorher Schülerin, die vorher menopausale Prachtfrau in ein Wesen mit Power, Stil und Grazie. Egal wieviel Kilo, egal wie solala die Frisur. PENG! Queen!

An dieser Stelle möchte ich das „Aha“ – Kleid erwähnen. Dieses Ding in Schwarz mit dem großen Klecksen drauf. Eine junde Frau in Jeans, Sweater und Schulrucksack entschwand mit dem Kleid in eine Kabine und kam als Operball-Giganto-Diva wieder raus.
Unfassbare Verwandlung. Von ihr. Von dem Kleid. Die Kombo einfach unschlagbar.
Ich war und bin bis heute fassungslos. Kein Scherz. Hab ich nicht kommen sehen. Totale Überraschung, große Erkenntnis. Aha-Kleider sind eine Anprobe wert!
Ist notiert.

Ich könnte wohl stundenlang zwischen diesen Kabinen sitzen und genießen, was da so vor den Vorhang kommt. Ich habe genug genäht, um zu wissen, dass in den Kleidern Wissen steckt. Wissen wie man aus einer Frau auch an einem grauen Tag eine Königin macht. Wo die Taille sitzen muss, wo der Abnäher, wo aufgetragen und wo weggezaubert wird.
Es hat mich glücklich gemacht das zu sehen. In meinem Alltag lassen sich die Frauen viel zu oft runterdrücken, von allem und jedem. Nicht immer, aber immer noch zu oft. Ich bin dabei vermutlich keine Ausnahme. Diese Ballgarderobe allerdings war ein Platz, der Frauen emporhob und stützte. Okay, ja, in alte Muster und Schönheitsideale. Das mag man vielleicht ankreiden, aber ich hatte mehr den Eindruck, dass das nicht im Vordergrund stand, nicht einmal im Hintergrund. Da war einfach nur Freude, ein liebevolles Grinsen ins eigene Spiegelbild. Sieht man viel zu selten. Mir hat das gut getan. Diese Frauen im Ballkleidprobiermodus haben mir richtig gut getan.

So. Und jetzt zu mir und der Glitzerparade. Ich bin reingeschlüpft und fühlte mich wohl. Das Kleid ist real unfotografierbar. Weder die Farbe noch das Glitzern passt auf ein Bild. Der Schnitt ist mir angenehm und der Rücken gerade kess genug für mich.

Überrascht hat mich einfach alles daran. Also jetzt nicht am Kleid, sondern, wie ich darauf reagiert habe. Wie ein Schokoschock etwa! Volle Pulle Weiblichkeit! Intravenös! Irgendwie so. Schwer zu beschreiben.
Stolz bin ich darauf, dass ich den Rücken des Kleides selber schließen konnte. Alle meine Bedenken, von ich sei mittlerweile zu unbeweglich, wurden von einem BALLKLEID (!!) in die Winde geschlagen. Habe ich auch nicht kommen sehen. Ihr seht mich hochzufrieden.

Manchmal muss man einfach über den eigenen Schatten (in ein Ballkleid) springen. Ist gar nicht so schwer!

0
0