Nun geht man ja in Wien auf Bälle. Nicht alle, nicht immer, aber eben doch. Bälle sind ein Ding in Wien und die Ballsaison entgeht hier Niemandem. Männer im Smoking in der U-Bahn, Damen im Ballkleid abends am Würstelstand. Normal.
Wie viele andere haben auch mein Mann und ich eine Tanzschulvergangenheit. Wir haben Bälle eröffnet, waren in der Hofburg, in den diversen Palais, die für Bälle gerne gebucht werden und auch in den Hotels, die über ausreichende Räumlichkeiten verfügen. Wir haben alles gesehen, alles durchgemacht oder besser durchgetanzt. Damals. Als wir jung waren. Und fit.
Wohlgemerkt, wir haben diese Dinge nicht zusammen erlebt. Wir waren damals noch nicht ein „Wir“. Wir kannten einander, mochten einander. Aber das war’s halt auch schon.
Jetzt wo die Kids groß sind und auch einigermaßen aus dem Haus, ist da Raum die Wiener Ballszene von der anderen Seite her zu betreten. Als reiner Besucher. Nicht als Eröffner. Als zahlende Person. Als Person mit grauem Haar und deutlich weniger Energie und Enthusiasmus, wie damals. Aber eben doch mit einer Freude und einem kennenden Interesse an dieser Art von Get together. Schon damals waren auf einem Ball die Jungen nur ein Teil der Sache. Die große Menge der Gäste auf einem Ball waren für gewöhnlich (Schulbälle mal ausgenommen) über 30. Schon damals.

Großes Hindernis auf meiner Seite war die Bekleidung. Mein letztes Ballkleid liegt Jahrzehnte zurück. Ich weiß ja gar nicht, was mir steht, was mir gefällt. Und viel Geld ausgeben wollte ich dafür auch nicht.
Ich werde womöglich darüber noch schreiben, aber der über Jahre vor mir hergeschobene Ballkleidkauf/die Anprobierung, war dann gar kein groß Ding nicht. Hier sei nur erwähnt, dass ich günstig ein Kleid erstanden habe, das den „das reicht fürs Erste“ – Preis von mir bekam.
Nachdem dann noch die Hürden Schuhe, Schmuck, Haare und Eintrittskarten genommen waren, war es letztes Wochenende so weit. Wir waren am Dorner Ball.
Das ist ein Tanzschulball, der im Palais Ferstel stattfindet. Wir besuchen derzeit unregelmäßig aber doch Kurse in dieser Tanzschule und ins Ferstel wollt ich eh schon lange. Also: aufgelegt.
Da ich ja eine Person bin, die immerzu schaut, immerzu beobachtet, immerzu die Menschen wahrnimmt, ist es leicht sich vorzustellen, dass ich auf so einem Ball an meine Aufnahmekapazitätsgrenzen stoße.
Denn, ein bissi fehlen mir da die Worte, die Tatsache, dass sich alle so in Schale werfen, dass sie durch ebendiese dann eben alle schick und auch „gleicher“ sind, dass entgeht mir nicht.
An dieser Stelle merke ich an, dass es wohl einen Grund hat, warum diese Art der Verkleidung sich für solche Events durchgesetzt hat. Ich muss zugeben, dass selbst das hässlichste Entlein (und bitte damit meine ich eher Männer als Frauen) im Anzug, in einem Abendanzug einfach besser aussieht. Ich möchte nicht behaupten, dass die Herren auf diesem Ball viel Zeit auf Haarstyling oder MakeUp aufgewendet haben, oder das unter dem Smoking ein gestählter MännerBeachBody schlummert. Nönönö, im Schnitt leveln Männer ab einem gewissen Alter um die 5 rum (wenn 10 die volle Punktezahl der optisch-Ansprechend-Skala ist). Sie können durch Pflege noch ein paar Zusatzpunkte gewinnen, aber um ehrlich zu sein mir begegnen auf der Straße, und ich spaziere regelmäßig durch die gut situierten Bezirke einer 2 Millionen Stadt, mir begegnen vielleicht zweimal im Jahr Männer über 40, die ich mir gerne anschaue.

Auf einem Ball ist das anders. So ein Smoking macht nicht nur bis zu einem bestimmten Grad schlanker. Ein Smokinghemd ist vielleicht nicht so bequem, wie das heißgeliebte Schlabber T-Shirt, aber Oida! der Unterschied.
Was ich sagen will. Männer auf einem Ball kann man ansehen. Ich zumindest. Auch ist mir aufgefallen, dass die älteren Herren gut drauf waren. Lächeln steht ihnen. Die jungen Männer waren mehr so auf der aufgedrehten Seite unterwegs. Auch süß. Teilweise wurden sie von ihren Smokings getragen und nicht umgekehrt.
Die jungen Damen? Irre. Eine entzückender, wie die Andere. Ballkleider sind eine Wundermittel. Geschneidert um schön zu machen. Ich habe nicht eine Frau gesehen, die nicht wunderbar ausgesehen hat. Jede auf ihre Art. Die älteren, zu denen ich mich auch zähle, sind sehr variabel im Look. Da gab’s von der Grande Dame bis zur leicht Verrückten alles. Ein Traum in Tüll, Pailletten, Glitzer und Spitze. Ich war sehr beschäftigt mit Menschen genießen.

Und dann. Dann bitteschön beginnen sie zu tanzen. Dieser Haufen an Menschen, der sich rausgeputzt hat, diese Mischung aus 17-jährigen mit Krönchen und 50-jährigen mit Bauch, beginnt – völlig unisono – zum gespielten Samba zu hüpfen. Ich kann das gar nicht umschreiben, wie irr, wie wunderbar, wie skurril das ist. Einige sind konzentriert, andere lachen. Es gibt Könner und Probierer, es gibt sie wild und dezent, mit Maske (FFP2) und Handtasche am Rücken, es gibt 2 Meter Männer und Frauen mit Federboa. Es ist wunderbar.
Der Rhythmus eint sie. Gut, simma ehrlich, der Rhythmus eint sie in etwa. Natürlich gibt es Leute, die es mit dem Rhythmus nicht so haben. Aber das ist völlig egal und fällt auch nicht auf. Es wird gehüpft oder wie der Tanzlehrer sagt „gebounct“. Damen drehen sich. Die Tanzfläche lebt.
Samba, das kann man beim Zusehen leicht erkennen, ist auf einem Ball ein Tanz, der nicht ganz so viel Raum einnimmt.
Das nächste Musikstück ist ein Walzer. Angenehmerweise sagt der Konzertmeister (der Bandleader) das auf diesem Ball vorher an. Das bedeutet, dass in der Pause zwischen zwei Stücken, die Leute die nicht wollen und die, die wollen von der Tanzfläche gehen oder sie eben stürmen.
Kommt ein Wiener Walzer wird deutlich mehr gestürmt als verlassen.
Das hat zur Folge, dass es eng wird. Und Wiener Walzer im Eng hat mehr was mit Schunkeln und Aneinanderstoßen zu tun, wie sonst was. Das scheint aber allgemeinhin akzeptiert zu werden. Wenn man im Zuge des Stückes ein- zweimal für zwei Takte durchgehend drehen kann, hat man gewonnen! So einfach. Die Musik ist halt leiwand.
Jive oder Boogie füllt die Fläche auch regelmäßig. Danach kann man sehen, dass allen warm wird. Gemeinschaftssport in großer Robe. So ein Jive ist kein gemütlich Ding nicht. Das ist Arbeit. Arbeit, die mitunter gut Spaß macht. Die Herren zücken danach das Brusttuch und wischen sich die Stirn, die Damen, wenn sie einen dabei haben, fächern. Gesichtsausdruck: glücklich.

So geht das stundenlang. Ich bin überrascht wie leer die Tische die meiste Zeit sind. Zum Sitzen geht man offensichtlich nicht ins Ferstel. Dann kommt die Mitternachtseinlage und danach – mein persönlicher Höhepunkt, aber mit Sicherheit nicht nur meiner – die Mitternachtsquadrille. Die Mitternachtsquadrille ist ein Tanz, den alle zusammen tanzen, mit Ansage der Figuren. Es gibt 6 Touren (verschieden Durchgänge), getanzt werden meist nur 2 oder 3. Und am Ende dann immer mit Tempo. Das wird zum Gedränge mit Spaßfaktor. Die Mitternachtsquadrille ist ein Gruppenerlebnis in Tüll. Grandioser Scheiß! Everbody loves it!
Kurz danach sind wir dann gegangen und zwar zu Fuß bis fast nach Hause. Wien um halbzwei nachts ist wunderbar leer. Ein warmer, weicher Abschluß. Das machen wir wieder!
Ah, eines fällt mir noch ein. Im Palais Ferstel befindet sich im Erdgeschoss das Cafe Central. Und ab 22:00 Uhr war dieses für die Ballgäste und nur für die Ballgäste geöffnet. Just sayin’.
Kleine Technikansage: ich habe die like buttons einer Spektion unterworfen. Ich hoffe, es klappt jetzt wieder ordentlich! Feedback jederzeit!

