Die Wahl in den USA – Suburban Women – Die Frauen in den Vororten und ihre spezielle Wahlmotivation

 

Heute fasse ich euch einen Podcast zusammen, der mich total berührt hat. Ergriffen geradezu. Ins Schwarze getroffen. Suburban Women. Die Frauen, die in den Vororten leben. Trump braucht ihre Stimmen. Er hatte die Mehrheit ihrer Stimmen 2016. Und im Moment kracht er bei diesen Wählerinnen ein. Untergang pur. Von +8% auf -23% runter.
Die Frauen in den Vororten wenden sich von Trump ab.

The New York Times sendete Reporterinnen nach Ohio, einem Bundesstaat, der 2016 von Trump gewonnen wurde. Auch diesmal wird Ohio wohl wieder für den Donald stimmen, aber so erfolgreich wie zuletzt, geht sich das nicht mehr aus. Nein, es wird sogar eher knapp. Und warum?
Wegen der Frauen und Mütter in den Vororten.

In diesem Podcast wird einem viel erklärt, ich empfehle ihn sich anzuhören für in Englisch Gewandte (38Minuten – the Daily Podcast).
Vor allem aber werden uns ein paar Frauen vorgestellt, die ganz unterschiedlich gewählt haben und die allesamt bisher sehr passiv politisch waren und die jetzt zu Aktivistinnen wurden.

Hannah

Hannah ist 37 und eine Stay-at-home-mum, eine Hausfrau und Mutter.  Sie hat in ihrem Leben vor 2016 immer die Republikaner gewählt. 2016 war ihr Trump schlicht einfach unsympathisch und sie war offen Hillary Clinton zu wählen. Als diese dann in einer Debatte mit Nachdruck klarmachte, dass sie niemals in das Recht bei medizinischen Notfällen auch eine späte Abtreibung zu ermöglichen, eingreifen würde, war Hannah entsetzt und sie machte ihr Kreuz kurzerhand bei Gary Johnson (ja genau, 2016 gab es noch einen dritten Kandidaten).

Andrea

34, seit 2017 Lehrerin in einer öffentlichen Schule. Hat 2016 für Hillary gestimmt, weil sie Trump nicht mochte.

Katy

traf ihre Wahlentscheidung 2016 in der Wahlkabine, mit ihrem erstgeborenem Baby im Arm. Sie war, so sagt sie heute, total uninformiert und wählte Trump mehr oder weniger einfach so. Sie meinte noch, dass er ja schon nicht so viel Schaden würde anrichten können.

4 Jahre danach.
Was erzählen diese Frauen.

Nun, Andrea erzählt, dass am Tag nach dem Bekanntwerden von Trumps Covid-Infektion ihre 7-jährige Tochter beim Frühstück fragte, warum der Präsident denn keine Maske getragen hätte. Sie müsse ja schließlich selber auch eine tragen. In der Schule und auch sonst häufig. Andrea hatte es nicht leicht den Präsidenten zu rechtfertigen.
Dieses Gespräch hatte sie im übrigen des öfteren mit ihrer Tochter.
Als Andrea das erzählt, fällt ihr Hannah fast ins Wort und schildert wie ihr 9-jähriger Sohn reagierte auf die Erkrankung des Präsidenten: Er meinte, er sei froh, dass er (der Präsident) jetzt Covid hätte, er hatte sich ja auch lustig gemacht über Biden, weil dieser eine Maske trug.
Diese Aussage öffnete Hannah die Augen. Sie dachte sich: „Hej Mr. President, mein 9-Jähriger hat sie gehört und er hat verstanden, dass sie sich über jene lustig machen, die Masken tragen.“

Diese Frauen erziehen ihre Kinder nach konservativen Leitgedanken.
Wir teilen,
wir hörzen zu,
wir achten auf Andere.

Und dann ist da Donald Trump im Fernsehen.
Diese Frauen wollen nicht jedesmal nervös werden, wenn der Präsident im Fernsehen ist UND DIE KINDER DABEI IM RAUM!

Ihren Kindern kann die Propagandamaschinerie um den Präsidenten herum nicht erklären, dass er die Sache mit dem Desinfektionsmittel im Scherz gesagt hätte. Ihnen kann man die Wahrheit nicht im Mund umdrehen (spinnen … mehr dazu hier).
Ihre Kinder sehen die Dinge klar. Mit Kinderaugen eben.
Und ihre Mütter sehen den Präsidenten und seine Handlungen durch die Augen ihrer Kinder.
Es ist egal wie gut oder schlecht die Wirtschaft da steht. Die üblichen Argumentationpunkte funktionieren bei diesen Frauen nicht. Sie stehen in ihrer Verantwortung als Mutter und aus dieser Perspektive schaut der Präsident nicht gut aus.

 

Ein weiteres Thema, das die suburban Mums sehr mitgenomme hat, ist der Rassismus und das rassistische System, das sich immer mehr offenbarte in den letzten Monaten.

Andrea, die Lehrerin, wurde aufgezogen in dem republikanischen Mantra: Es gibt Möglichkeiten. Du brauchst nur hart zu arbeiten. So kannst du alles erreichen.

Als Lehrerin in einer Charterschool mit einem 90%igen Anteil an farbigen Kindern musste sie erkennen, dass diese Möglichkeiten diesen Kids tatsächlich gar nicht mehr offen stehen. Das Spiel ist gegen diese Kinder gesetzt. Und durch ihre administrative Arbeit erkannte sie weiters, dass einiges in der Gesetzgebung sogar darauf abzielte, diese Möglichkeiten auch weiterhin eingeschränkt zu halten.

Und als dann das Video von George Floyd und seiner grausamen Ermordung die Runde machte, wurde vor allem Katy das Herz schwer. Die Tatsache, dass dieser 36 jährige Mann in den letzten Momenten seines Leben noch nach seiner Mutter rief, das war wohl nicht nur für Katy zuviel.
George Floyd rief, so meinen einige, nicht nur nach seiner Mutter. Er rief sie alle.

Und es schaut so aus als hätten sie ihn gehört.

Zu guter letzt noch einmal das Thema Abtreibung. Hannah hatte sich wegen der Abtreibungsaussage gegen Hillary entschieden. Die letzten 4 Jahre als Mutter haben ihr aber gezeigt, dass genau die Situation, von der Hillary sprach, doch auch mal vorkommt. Und Hannah hat, wenn auch zum Glück nicht am eigenen Leib, miterlebt und gesehen in welch Situationen eine Abtreibung zum Thema wird und dass diese Situationen nicht dem Bild entsprechen, die von der anderen Seite so heftig heraufbeschworen werden.
Hannah hat, was diesen Punkt angeht, Seite gewechselt. Sie sagt im Podcast mit ganz klarer Stimme, dass sie früher über Dinge geurteilt hat, von denen sie schlicht und einfach nichts verstand.

Alle diese Frauen in dem Podcast und viele, viele darüber hinaus, haben in den vergangenen Jahren derlei Erkenntnismomente gehabt. Sei es mit den Kindern am Frühstückstisch, sei es beim sterbenden George Floyd oder eben wie Hannah durch das Leid einer Freundin.

Umfragen zeigen, dass weiße Wähler/innen aus den Vororten deutlich progressiver geworden sind. Vor allem um das Thema Rassismus. Und ihnen missfällt die Art wie die amtierende Regierung die Proteste handhabt.

Bei den Frauen allerdings laufen all diese Argumente häufig über die Mutter-Schiene. Das ist neu. Die Bestimmung einer Mutter, ihre Aufgabe in der Gesellschaft .. daran zerbröckelt, zumindest in den Vororten, der ganze Populismus selbst eines Donald Trump.

persönliche Anmerkung:

Ich fand diesen Beitrag für mich wirklich sehr erhellend, da ich diese Frauen zu 100% verstehe. Als Mutter und Frau bin ich mir meiner Rolle sehr bewußt. Und ich finde dieses „Erwachen“ der Mütter zu ihrer politischen Verantwortung sehr sexy. Zu sowas könnte man mich auch motivieren. Weiters finde ich hochinteressant, dass die Motivation und die Entscheidung zur Wahl völlig abseits der herkömmlichen Argumente erfolgen. Ich will sagen, dass all die Strategen, die seit Monaten, nein seit Jahren Werbungen produzieren und Geld in Kampagnen stecken den Zugang von Frauen – speziell Müttern – nie abdecken. Denn bei all dem, was da abläuft in den USA, war die Vorbildwirkung bis zuletzt zwar Argument, aber kein schlagkräftiges. Kann ich klarmachen, was ich meine? Sie bewerben ihre Kandidaten mit Themen, die den Frauen nicht am Herzen liegen.

Ich entscheide zwar nicht völlig aus meiner Mutterverantwortung heraus, aber ohne sie werde ich nie wieder entscheiden. Das ist klar.

Erhellend irgendwie.