Erlebt oder die Frage nach dem „Wie geh‘ ich jetzt damit um?

Gestern – ich schreibe das hier am Donnerstag Nachmittag -, irgendwann zwischen vier und halbfünf hat es auf einmal einen RUMS gegeben. Einen Knall, einen Krach, ein etwas .. stellt euch eine Bombe vor. So laut.

Gestern ist ein Haus, das kaum 150 Meter von meinem Garten entfernt steht, in die Luft geflogen. Also ein Teil davon. In der Fassade ist ein 20×20 Meter großes Loch. 3 oder 4 Stockwerke fehlen.

Wer von euch in Österreich lebt, hat es in den Nachrichten gesehen. Sie vermuten eine Gasexplosion. Ich kann das nur bestätigen. Ich habe es gerochen.

Jetzt noch suchen sie nach Leuten (Donnerstag 15:30 Uhr).

Ich will da jetzt gar nicht viel vor-Ort-Berichterstattung machen. Ich will euch was ganz anderes erzählen bzw. wohl eher mir von der Seele tippen.

Es ist ein wenig über ein Jahr her, da wurde in meiner Gasse eine Frau von ihrem Exfreund erschossen. Auf offener Straße.  Er hat sich dann gleich selbst auch getötet. 150 Meter vor unserem Haustor. Auf meinem Weg zum Supermarkt quasi.

Das war vielleicht ein Hammer. Das zu verdauen hat gedauert. Es ist uns allen (hier im Haus) heute noch nicht wurscht. Wird es wohl nie sein.

Ich weiß, dass diese Reihenfolge Zufall ist und dass vermutlich maximal noch ein Hund unter die Räder kommt in den nächsten 50 Jahren in meinem Viertel – also rein statistisch, ihr versteht, was ich meine.

Dass schlimme Sachen passieren, find’ ich zwar nicht super, aber es gehört wohl zu uns Menschen. Was mich viel mehr irritiert ist, wie hilflos ich im Umgang mit derlei Ereignissen bin/war.

Wohlgemerkt. Bei uns im Haus sind ein Haufen Fenster ex gegangen gestern. Das halbe Haus war auf den Beinen und hat eine Stunde lang Scherben aus dem Spielplatz gekehrt. … und dabei eifrig Wasser getrunken. Immerhin hatte es ja knapp 34 Grad.

Aber abgesehen davon ist keinerlei Schaden entstanden. Bei uns.

Was aber genauso ersichtlich wie die zerbrochenen Scheiben war, war der Schreck, den alle hatten. Alle.

Auch die coolsten Typen im Haus waren schmähstad (hatten keine Scherze mehr).  Was dabei so erdrückend war/ist, ist die maßlose Hilflosigkeit. Man kann halt wirklcih nicht viel machen.

Ein Nachbar, einer der ersten vor Ort musste kurzerhand umdrehen und weggehen, weil er in Badeschlapfen vor dem Schutthaufen, der mal ein Haus war, stand. Die Vernunft sagt einem schon, dass man besser höllisch aufpasst bei sowas. Falsches Heldentum sinnlos, quasi. Da braucht man nicht zweimal nachdenken.

Und trotzdem kamen in den ersten Minuten nach dem Knall wirklich viele Leute gelaufen, wir sind ja hier mitten in der Stadt. Hier kriegst du mit dem richtigen Zeichen locker in 3 Minuten 200 Leute zusammen. Kein Problem.

Alle. Ausnahmslos alle waren geschockt. Die Neugier zu sehen was den los war, war keine Reißerische, es war ein was-war-DAS-denn-Neugier. Eine vorsichtige Neugier. Alle bremsten sich ein sobald sie in der Nähe der Staubwolke waren. Alle hörten die Leute nach Hilfe schreien.

Alle überlegten fieberhaft was zu tun sei.

(Polizei und Feuerwehr wurden gestürmt telefonisch – eh klar)

Hätte irgendjemand ein sinnvoll scheinendes Kommando gegeben, wie „nehmen die diesen Stein und bringen sie ihn da hinüber“ – Sie hätten es getan!

Aber die Lage war chaotisch. Katastrophal. Nicht normal. Also standen sie da. Fassungslos.

Hilflos.

(fairerweise möchte ich kurz erwähnen, dass sehr wohl einige Leute sofort Hand angelegt haben und Leute aus den Trümmern getragen haben. Der Großteil der Menschen aber konnte gar nicht helfen.)

Die Leute wurden weggeschickt, sie gingen wieder heim bzw. in ihre Büros. Wohl wissend, dass die ganze Arbeit ja jetzt erst beginnt. Ihr Beitrag und auch meiner konnte nur sein – nicht blöd im Weg rumzustehen.

Und zu Hause dann habe ich meine Tochter beruhigt, selber versucht ruhig zu sein, damit sie sich an mir anhalten kann.

Und das während die Rettung kam, Feuerwehr, Bagger … dann plötzlich alles still … Hundebellen … die Suchhunde schlagen an.

Stundenlang. Immer und immer wieder.

Die ganze Nacht lang.

Ich habe heute (auf Donnerstag) drei Stunden geschlafen. Es war zu heiß. Fenster aufmachen ging aber nicht. Baustellenlärm mit bitterem Beigeschmack. Da schläft keiner gut.

Ich versuche ruhig zu bleiben. Mir zu sagen, dass die Profis das jetzt machen müssen. Dass das so viel sicherer und effektiver ist. Ich bin dankbar dafür. Für deren Arbeit. Ich bin dankbar, dass es nicht bei uns passiert ist.

Pause

Ich konzentriere mich darauf mir meinen Schreck einzugestehen, mir den Raum zu geben für meine Gefühle und das obwohl ich ja gar nicht betroffen bin. Das verwirrt. Bei uns ist man nicht krank ohne Fieber oder Krücken.

Wie kann ich also betroffen sein. Bei mir hat’s nur die Fliegengitter aus den Klettbändern gerissen. Mehr nicht. Wie kann ich mir leid tun, mir Ruhe gönnen, wenn 20 Meter in der Schule neben unserem Haus Menschen sitzen, die einen Menschen vermissen …

Und genau das ist es jetzt. Ich bin ein wenig betroffen, ohne betroffen zu sein.

Sehr ähnlich wie vor einem Jahr.

Ich bin verwirrt, aus der Spur.

Muss mich ein wenig um mich kümmern. Mir den Raum geben.

Und da kommt ihr ins Spiel.

Ich teile das nicht auf fb oder Instagram. Das hier ist nur für euch.

Ihr seid meine Therapie. Danke fürs zulesen.