Perspektivenwechsel – Wenn die Irren eigentlich die Normalen sind oder Sind wir wirklich so super, wie wir glauben?

In Pandemiezeiten haben Verschwörungstheorien Hochkultur. Das war schon immer so. Die Menschen akzeptieren lieber eine völlig irre Geschichte, die dafür simpel ist und zudem irgendjemand als den Schuldigen kennzeichnet, als dass sie die Wahrheit verarbeiten.

Je länger wir in unserer Geschichte zurückgehen, desto mehr Menschen sind bereit an Kinderesser und geheime Zirkel zu glauben. Nein, es ist bzw. war sogar noch schlimmer: die, die nicht daran glauben verschwinden förmlich in der Zahl. Statistisch irrelevant quasi.

Es war tatsächlich mehr das Normale dem Schwachsinn anheim zu fallen, als sich die Wahrheit anzutun. Menschen sind nicht, wie wir uns alle ja so gerne erzählen, Vernunftswesen. Menschen machen es sich nach Möglichkeit leicht, gerne auch auf Kosten anderer Menschen. Menschen sind nicht gut. Waren es nie. Wer einen Blick in sein Geschichtsbuch wirft und es schafft die Fakten zu akzeptieren, der sieht es. Eigentlich ganz klar.
Menschen sind Verschwörungstheoretiker. Immer gewesen.

Die Aufklärung ist schuld daran, dass ein Teil von uns begonnen hat, sich mehr der Realität zuzuwenden. Und eben daran, dass wir versuchen, die Dinge zu sehen, wie sie womöglich tatsächlich sind. Wir haben jetzt Wissenschafter, die nicht mehr dem Papst unterstehen und die die Fakten für uns sammeln und aufbereiten. Und wenn wir Glück haben und die Wissenschafterin eine Meisterin in Kommunikation ist, dann verstehen wir sogar, was gerade entdeckt wird. Fachchinesisch off quasi.

Und weil wir viel herausgefunden haben und weil viele von uns – also zumindest mehr als je zuvor – eine passables Bildungsniveau erreicht haben, sind wir der Idee erlegen (oder ist es eine Theorie?), dass wir helle, kluge Wesen sind, die mit entstehenden Situationen umzugehen imstande sind. Wir haben uns gefeiert als rational und erhaben. Wir haben unseren Kindern erklärt, dass sie Chancen haben. Dass sie alles werden können, was sie nur wollen. Ohne dabei zu sehen, dass die Allerwenigsten das dann tatsächlich tun.
Wir Menschen sind schon eigenartig.

Ja, und dann kam die Pandemie. Also Corona. Und .. Wow, was wird es uns nicht vorgeführt. Oder besser, was werden wir nicht vorgeführt. Da sind sie jetzt also, all die Verschwörungsfans, all die, die glauben Freiheit definieren zu können, als die Freiheit das Leben eines anderen Menschen gefährden zu dürfen. Sie sind sichtbar. Laut und deutlich. Entblößt förmlich. Die Menschen vor denen wir uns anekeln, weil wir sie für dumm halten. Die Trump-Wähler, die Partyfeirer in der Pandemie. Wir sind schockiert.

Dabei ist die Wahrheit womöglich mehr eine andere. Denn, wenn wir davon ausgehen, dass die Irren in Wirklichkeit die Normalen waren, dass wir prozentuell in der Bevölkerung eben fast alle … ich wiederhole FAST ALLE so gedacht und gehandelt haben (also vor 100, 200 Jahren sicher noch), dann zeigt uns diese Pandemie jetzt eigentlich den Fortschritt. Unsere Entwicklung. Nicht den Rückschritt. Falsche Perspektive.
Womöglich.
Die Aufklärung, die Wissenschaft, die AusBildung für, in unterschiedlicher Qualität zwar aber doch, alle, hat dazu geführt, dass nur mehr 47% der Wähler in den USA den Profi-Demagogen wählen.
Das wäre früher ohne Zweifel anders gewesen.
Das war anders.

Wenn wir uns für so aufgeklärt halten und für so gut, dann ist das jetzt der Blick in den Spiegel. Das Faktum. Die Realität. Und wenn wir ehrlich sind, dann sind wir in verhältnismäßig kurzer Zeit erstaunlich weit gekommen. Ja, klar, wir wären gerne schon weiter. Aber he, die Hälfte der Bevölkerung hat gegen den Brexit gestimmt, die Hälfte hat van der Bellen gewählt (Anmerkung: österreichischer Bundespräsident von den Grünen, der gegen den FPÖ Kandiaten Norbert Hofer am Ende doch klar gewonnen hat). „Die Hälfte“, sagt das Spiegelbild.

Also: Wir sind wohl in etwa bei der Hälfte angelangt. So scheint es.
Haben wir die Kraft diese Wahrheit zu verkraften, zu akzeptieren? Sind wir, die wir uns für die bessere Hälfte halten wollen, dazu imstande?

Die Klimakrise steht ganz oben auf der ToDoListe. Und der Kampf gegen die Populisten gleich darunter.
Wir haben viel zu tun.

Sich über die Partyfeirer zu echauffieren gehört nicht dazu.

Eine Diskursanregung